Zur Erinnerung an Jürgen Gehr, den Erfinder der Pay-as-you-go-Technologie

SunBox Nutzer In Marokko

Viele Haushalte in Entwicklungsländern können Solar-Home-Systeme nicht bar bezahlen. Wenn sie aber einen Kleinkredit erhalten, wird Solarenergie erschwinglich. Denn dann verwenden sie das Geld, das sie bisher für Kerosin, Batterien oder Kerzen ausgeben, für die Abzahlung des Solarsystems. Mit einer speziellen technischen Hilfe werden Haushalte daran erinnert und zugleich motiviert, ihre Raten pünktlich zu zahlen: bei Nichtbezahlen stellt der integrierte Laderegler das Solarsystem einfach ab, und es steht kein Strom mehr zur Verfügung. Beim Zahlen der säumigen Rate wird das Solarsystem mittels eines Codes einfach wieder entsperrt. In der Fachwelt hat sich hierfür der Begriff Pay-as-you-go (PAYG) eingebürgert.

Seit einigen Jahren boomt der Verkauf von Solar-Home-Systemen mittels dieser PAYG-Technologie. Immer mehr Anbieter mit unterschiedlichen Techniken treten auf, Investoren haben zwischen 2012 und 2017 insgesamt 773 Millionen USD investiert, um Endkundenkredite mittels PAYG-Technik zu ermöglichen. Speziell in Ostafrika feiert die PAYG-Technik heute große Erfolge.

 

Doch wer hat PAYG eigentlich erfunden?

Die PAYG-Technik wurde in Marokko zu einer Zeit erfunden, als die Solartechnik für Afrika noch im frühen Pionierstadium steckte: Das von dem Deutschen Jürgen Gehr gegründete Unternehmen Afrisol hat sich seit seiner Gründung insbesondere um jene Haushalte bemüht, die nicht an das Stromnetz angeschlossen waren. Jürgen Gehr erkannte bald, dass die hohen Anfangskosten die Verbreitung der Off-Grid-Solarenergie behinderten.

Im Jahr 2000 entwickelte er daher ein Solar-Home-System, dessen Laderegler sich von selbst abstellte, wenn der Kunde seine Rate nicht bezahlte. Ausserdem besass der Laderegler einen Datalogger, der es ermöglichte, das Nutzerverhalten zu beobachten und zu kontrollieren. Jürgen Gehr war auch einer der ersten, die die Solarbatterie in einer stabilen Box unterbrachte, um sie vor Beschädigungen und Zweckentfremdung zu schützen.

Das mit PAYG-Technik ausgestattete Solar-Home-System von Afrisol, die sog. “SunBox”, konnte vier Energiesparlampen (LED waren damals noch nicht einsatzfähig) und einen Fernseher mit Strom versorgen.

Mit seiner Idee stieß Jürgen Gehr damals jedoch auf sehr viel Skepsis: Zu ungewöhnlich erschien die Vergabe kleiner Kredite an ländliche Haushalte durch ein Installationsunternehmen. Vor allem fehlten damals Investoren, die der Idee zum Durchbruch hätten verhelfen können.

 

Die weitere Verbreitung

Im Jahr 2004 setzte die Stiftung Solarenergie die SunBox von Afrisol mit integrierter PAYG-Technik erstmals in Subsahara-Afrika ein: bei der Ausstattung ganzer äthiopischer Dörfer mit Solar-Home-Systemen.

Weil die Technik sich bewährte, wurde in den folgenden Jahren ein Netzwerk mit 15 ländlichen Solar-Centern in Äthiopien eingerichtet, jedes mit ausgebildeten Technikern für Wartung und Service. Die Solartechniker verkauften im Namen der Stiftung Solarenergie Solar-Systeme mittels Kredite an äthiopische Haushalte. Bis 2012 wurden mehr als 10.000 Solar-Home-Systeme auf diese Weise verkauft und zugleich die PAYG-Technik ständig weiterentwickelt.

Es war der Beginn des PAYG-Booms in Ostafrika. Wenig später hat die Stiftung Solarenergie das in Äthiopien erprobte Modell nach Kenia übertragen. Kurz darauf entstanden dann die heute bekannten PAYG-Unternehmen, wie M-Kopa, Bboxx, Off-Grid Electric oder Mobisol. Ihr Verdienst ist es, den Verkauf mittels Endkundenkredite auch für Investoren in Europa und den USA in größerem Stil interessant gemacht zu haben.

 

Jürgen Gehr hat den weltweiten Boom seiner PAYG-Idee nicht mehr erlebt: Er starb am 22. August 2007 im Alter von nur 54 Jahren.

Jürgen Gehr, 1953-2007

 

 

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