Zuerst bist du ein Mensch: Wie Kenias Jugend den Tribalismus zu überwinden versucht

Lisa Winter / Lotta Pommerien

Bild: Kenias Hauptstadt Nairobi (Pixabay)

„Meru-Frauen sind doch alle Prostituierte“, empört sich Joseph Kwakas Mutter, als er ihr von seinen Hochzeitsplänen mit Gakii Kiogora erzählt. Sie kommen beide aus Kenia, doch ihre Familien gehören verschiedenen ethnischen Gruppen an. Joseph Kwaka ist Luo. Gakii Kiogora Meru. „Die heiraten doch nur des Geldes wegen“, sorgt sich seine Mutter. Und auch Gakii Kiogoras Familie ist empört: „Ein Luo?“ Der sei doch sicher faul, spare kein Geld und außerdem esse er nur Fisch. Heute können die beiden über die Vorurteile ihrer Familien lachen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Ihre Beziehung war lange eine Zielscheibe für Tribalismus, uralte ethnische Konflikte, die Kenias Gesellschaft spalten, bis heute. Mehr als 20 Jahre später wird es noch immer nicht akzeptiert, wenn sich Kenianer aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen lieben. Heirat und Familiengründung außerhalb der eigenen Ethnie werden von den Angehörigen abgelehnt. Das sei falsch. Denn für viele gilt: Erst die eigene Ethnie, dann Kenia.

Offiziell gibt es in Kenia 42 Ethnien. Bisher bestimmten vor allem die vier größten über die Zukunft des Landes. Statistiken zufolge sind das mit 24 Prozent die Kikuyus, die Luyhas mit 14 Prozent, die Luos mit 13 Prozent und die Kamba mit 12 Prozent. Jede Ethnie spricht neben den Amtssprachen eine eigene Sprache, lebt nach einer eigenen Tradition, kämpft für die eigenen Interessen. Die britischen Kolonialherren teilten das Land in ethnische Gebiete auf, um es regierbar zu machen und Volksaufstände zu verhindern. Kenias ethnische Karte hat bis heute Bestand. Die einzige Ausnahme ist Nairobi: Die Hauptstadt zieht viele junge Kenianer aus dem ganzen Land an, denn hier gibt es Universitäten, internationale Schulen und Jobs.

Fragt man sie nach ihrer Einstellung zum Tribalismus, erntet man entnervte Blicke. Warum sollten sie einen Kikuyu-Freund hassen, nur weil ihre Vorfahren sich früher bekämpft hatten? Doch das Problem ist komplexer. Tribalismus als politisches Problem ist ein Erbe der Kolonialzeit. Kenianer durften sich nur innerhalb ihrer ethnischen Gruppe politisch organisieren und wurden voneinander separiert. Bis heute scheint der einzige Weg in die Politik über die eigene Ethnie zu führen. Als es um die Unabhängigkeit des Landes ging, kämpften Kikuyus und Luos zwar noch zusammen, jedoch zerstritten sich ihre Anführer Jomo Kenyatta und Oginga Odinga. Die ersten Parteien wurden entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit gegründet. Politische Feindschaft entstand, die sich besonders im Jahr 2007 in blutige Straßenschlachten, Plünderungen und Vergewaltigungen dramatisch entlud. Insgesamt starben rund 1.300 Menschen, 500.000 lebten fortan als Binnenflüchtlinge.

„Die Wahl 2007 war einer der schlimmsten Momente in unserer Geschichte“, sagt Joseph Kwaka. Er arbeitet als Menschenrechtskämpfer der Organisation Community Aid International in Nairobi. Sein Bruder und ein weiterer Verwandter sind damals bei den gewaltsamen Ausschreitungen ums Leben gekommen. Kwaka und seine Frau mussten die Leichen mit einem privaten Flugzeug nach Westkenia transportieren lassen, um ihn beerdigen zu können. Sie brauchten eine Polizeieskorte, damit sie bei der Landung nicht von Anhängern anderer Ethnien attackiert werden. Zehn Jahre später spielen die Politiker wieder die ethnische Karte aus und betonen in ihren Heimatregionen ihre ethnische Zugehörigkeit. Ein alter Trick, den auch schon Staatsgründer Jomo Kenyatta, der Vater des amtierenden Präsidenten Uhuru Kenyatta, anwandte, indem er seiner Ethnie wirtschaftliche Vorteile verschaffte und den Kikuyus besser bezahlte Jobs und größere Landflächen vermachte. Denn ethnische Konflikte sind vor allem auf eine ungerechte Landverteilung und soziale Ungleichheiten zurückzuführen. Posten in der Verwaltung oder anderen staatlichen Organisationen werden nicht nach Eignung oder Leistung vergeben, sondern nach ethnischer Zugehörigkeit. Auch politische Allianzen basieren auf verbündeten ethnischen Gruppen.

Als Politiker stundenlang auf dem nationalen Kanal in ihrer eigenen traditionellen Muttersprache Wahlkampf machten, war das für Shikoh Kihika der Auslöser, endlich aktiv zu werden. Vor drei Jahren hat sie die Non-Profit-Organisation TribelessYouth ins Leben gerufen. Mit ihren 26 Jahren gehört Kihika – Jeans, bunt kariertes Hemd, Sneakers und frecher Kurzhaarschnitt -selbst noch zu Kenias Jugend und weiß, wie hart sie in diesem Land für ihren Platz kämpfen muss. Es waren vor allem persönliche Erfahrungen mit Tribalismus, die Kihika dazu bewegt haben TribelessYouth zu gründen. Auf der Straße wird Kihika in einer ihr fremden Sprache angesprochen, weil ihre Zähne so weiß sind. Ein Merkmal einer Ethnie, die besonders für ihre Landwirtschaft und Viehzucht bekannt ist. Aber auch die Beinstruktur oder die Größe werden als Hinweis auf die ethnische Zugehörigkeit herangezogen. Im Bus wurde Kihika einmal von einem älteren Mann angesprochen, der irritiert war, weil er auf den ersten Blick nicht wusste, welcher Ethnie er sie zuordnen sollte. Als er sie auf Kikuyu ansprach und Kihika ihm auf der Landessprache Kisuaheli sagte, dass sie ihn nicht verstehen könne, fragte er sie, welcher Ethnie sie angehöre. „Ich bin Kenianerin“, antwortete sie ihm. „Ich bin eine junge Kenianerin, die versucht für ihren Freiraum zu kämpfen.“ Der Mann hat sie entsetzt angesehen, weil sie ihre kenianische Nationalität über ihre ethnische Zugehörigkeit stellt. Vor allem für die ältere Generation unvorstellbar.

Kihika sitzt an ihrem Laptop im Büro des Mid Rift Human Rights Networks in Nakuru, wo Tribeless Youth seinen Sitz hat. Sie klickt sich durch ihre Social Media-Profile. Rund 7580 Personen folgen dem Hashtag #TribelessYouth, mehr als 33000 Personen folgen der jungen Aktivistin auf Twitter und 9839 auf Instagram. Landesweit gehören etwa 150 Aktivisten und Aktivistinnen der Bewegung an. In Zahlen erscheint das nicht viel. Für Kihika aber war es eine Welle, die über sie und das Land eingebrochen ist. „Wir haben einen Dialog entfachen können, den es so vorher nie gegeben hat. Die Menschen haben angefangen, über ihre Ethnie und ihre Identität zu sprechen.“ Das war für sie persönlich der größte Erfolg.

Die Startseite von tribelessyouth.org zeigt ein junges Mädchen mit traditionellem Perlenschmuck, im Hintergrund prangt die Zahl 42. Der Schmuck des Mädchens vereint die traditionelle Kleidung der Luos und Kikuyus. Die 42 steht für die Anzahl der offiziell gezählten Ethnien in Kenia. Die Botschaft: Lernt die Diversität der Kulturen wertzuschätzen und wehrt euch gegen die negative Ethnizität. Für die Wahlen 2022 ist es für Tribeless Youth wichtig, frühzeitig mit der jungen Generation in einen Dialog zu treten. Dabei geht es Kihika vor allem darum, deutlich zu machen, wie wichtig jede einzelne Stimme ist. „Wir müssen unsere Wahlen loslösen vom tribalistischen Narrativ“, sagt sie. Dazu sei es wichtig, dass die Regierung die Verfassung respektiert und befolgt. Denn diese verbietet jegliche Art von Diskriminierung – auch tribalistisch motivierte. Erst 2010 wurde die Verfassung reformiert und um einen umfangreichen Grundrechtekatalog erweitert. Die Bevölkerung hoffte somit auf eine rasche Verbesserung ihrer Lebenssitutation.

Doch die Nachrichten zeigen eine andere Realität: eine wütende Menschenmasse, die sich durch Nairobis Straßen kämpft. Sicherheitskräfte prügeln mit Holzstöcken auf einen jungen Mann ein, brennende Autoreifen und Wolken von Tränengas, die die Stadt umhüllen. Erneut sind es Luos und Kikuyus, die um die politische Führung im Land kämpfen. Die ganze Welt schaute voller Anspannung nach Kenia. Omamo Gikho Edmond, ein junger Videoeditor und Grafikdesigner, sitzt in seinem kleinen Apartment in Nairobi und schaut sich erneut die Berichte über die vergangenen Wahlen an. Es macht ihn wütend, dass die politische Führung Tribalismus immer wieder als Wahlkampfmittel einsetzt. Mit seinen 26 Jahren gehört er eigentlich zu Kihikas Jugend, die sich als stammeslos bezeichnet und sich bewusst davon distanziert, indem sie sich nur noch mit ihren englischen Namen vorstellt und nur auf den Amtssprachen Englisch oder Kisuaheli miteinander spricht. Dennoch hat Gikho am Wahltag sein Apartment nicht verlassen. Aus Angst den Gegnern seiner Ethnie in die Hände zu laufen. Er hat die Proteste von seiner Dachterrasse beobachtet. Immer wieder stiegen große dunkle Rauchwolken im Central Buisness District in Nairobi auf. „Ich hatte Angst um meine Luo-Leute“, sagt er. Seine ältere Schwester hat in den Tagen, in denen die Stimmen ausgezählt wurden, Unterschlupf bei ihm gesucht. Sie lebt in Thika, einem größtenteils durch Kikuyus geprägten Stadtteil. Als Luo hat sie sich dort nicht sicher gefühlt und wollte sich vor gewaltsamen Übergriffen schützen. Erst als der Präsident ernannt wurde, ist sie wieder zurück nach Thika gezogen.

Gikhos Familie kommt aus Kisumu, einer Stadt in der Nähe des Viktoriasees, wo überwiegend Luos leben. Dort ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hat seine Kindheit und Jugend dort verbracht. Erst für das Studium ist er nach Nairobi gezogen. „Ich bin Luo“, sagt er mit fester Stimme. „Meine Kinder, deren Kinder und alle folgenden Nachkommen werden auch Luo sein.“ Anders als andere junge Erwachsene, die in Nairobi aufgewachsen sind, war Gikhos Kindheit noch durch seine Ethnie geprägt und ist bis heute ein wichtiger Teil seiner Identität. Zwar möchte er sich öffentlich vom Tribalismus distanzieren, in politischen Krisensituationen kann er sich aber nur schwer davon lösen.

„Tribalismus ist wie ein Krebsgeschwür“, sagt Eko Glen. Schleichend fresse er sich durch alle Bereiche des Lebens. Noch am Morgen war Eko Glen verunsichert, weil er für einen Dokumentarfilm über die Politik in seinem Land sprechen werde und nicht wusste, was er dafür anziehen soll. Aus Gewohnheit hat er zu seinem Lieblingspullover gegriffen. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel entschied er sich dagegen. Der Pullover ist knallrot. Die falsche Farbe, könnte die falschen Signale senden, sagt er. Der 26-Jährige Schreiner setzt sich auf einen der Holzstühle auf der Dachterrasse und lässt seinen Blick über die Baumkronen schweifen. Er hat sich für einen weinroten Sweater und eine weiße Hose entschieden. Seine schwarze Kappe hat er tief ins Gesicht gezogen. „In Nairobi haben es Tribalisten schwer“, sagt er. Denn Luos arbeiten hier gemeinsam mit Kikuyus und Luhyas leben neben Kambas.

Doch auch wenn das Zusammenleben in Nairobi friedlich scheint, wird es kritisch, wenn bei politischen Diskussionen ein falsches Wort fällt. Glens Freundeskreis besteht aus Mitgliedern verschiedener ethnischer Gruppen. Die Ethnie seiner Freunde interessiere ihn nicht, in ihrer Freundschaft spiele Tribalismus keine Rolle. Wie das funktioniert? Er sagt es so: „Wir vermeiden politische Diskussionen so gut es geht.“ Die Verkündung der Wahlergebnisse haben sie zusammen in einer Kneipe geschaut. Zwar hat Glen nicht seiner Ethnie entsprechend gewählt, dennoch verliert er gegenüber seinen Freunden kein Wort über seinen Favoriten. Gejubelt wird im Stillen. Aus Respekt vor den anderen und um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Denn auch wenn sich ein Großteil der jungen Erwachsenen einig darüber ist, dass der Tribalismus Kenia „in den Abgrund treibt“, wird zur Politik lieber geschwiegen. Mit der geballten Faust in der Hosentasche, um den Frieden zu wahren.

Lisa Winter (23) und Lotta Pommerien (22) studieren Publizistik und Politikwissenschaft in Mainz. Für ein Praktikum in der Filmproduktion lebte Lisa Winter mehrere Monate in Nairobi. Im Sommer 2018 reiste sie erneut mit Lotta Pommerien für die Recherchen nach Kenia. Die Reise wurde gefördert vom Förderverein der katholischen Journalistenschule ifp.

Zuerst erschienen in: AFRICA POSITIVE, 20. Jahrgang • Nummer 72 • 2019

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