Indiens Afrikapolitik

Christian Wagner

Bild: MyLovelyPics

Die Indische Union hat seit ihrer Unabhängigkeit 1947 gute Beziehungen zu den Staaten Afrikas entwickelt. Zunächst standen politische Fragen wie die Unterstützung bei der Dekolonisierung im Vordergrund. Anschließend forcierte Indien die Zusammenarbeit in internationalen Organisationen im Rahmen der Süd-Süd-Kooperation und unterstrich damit seinen Anspruch, als Repräsentant der Entwicklungsländer aufzutreten. Nach dem Beginn der Liberalisierung in Indien 1991 sind wirtschaftliche und sicherheitspolitische Fragen zunehmend in den Vordergrund gerückt.

Der afrikanische Kontinent hat für Indien seit den 1990er Jahren weiter an Bedeutung gewonnen. Offensichtlichster Beleg hierfür sind die drei Indien-Afrika-Gipfeltreffen in den Jahren 2008, 2011 und 2015. Die wichtigste Veränderung besteht darin, dass Indien mehr Energie aus afrikanischen Staaten importierte und damit seine Energieeinfuhren erfolgreich diversifiziert hat. Auf diese Weise konnte es seine Abhängigkeit vom Nahen und Mittleren Osten verringern.

Auch für Indiens globale Ambitionen ist Afrika relevant. Indien versteht sich weiterhin als Fürsprecher des Globalen Südens und findet hierfür vor allem in Afrika Unterstützung. Eine wichtige Rolle spielt das Stimmengewicht der afrikanischen Staaten bei einer Reform der Vereinten Nationen (VN) und für Indiens Streben nach einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Darüber hinaus hat sich das Handelsvolumen zwischen Indien und Afrika seit den 1990er Jahren deutlich erhöht. Allerdings ist Afrikas Anteil am indischen Außenhandel nach wie vor eher klein, verglichen mit demjenigen Asiens, Europas oder des Mittleren Ostens.

Schließlich haben indische Regierungen mit verschiedenen Initiativen seit den 1990er Jahren versucht, die indische Diaspora anzusprechen und sie auch zu mehr Investitionen in Indien anzuregen. Dies erweist sich im afrikanischen Kontext als relativ schwierig. Von Ausnahmen abgesehen, ist die indischstämmige Bevölkerung afrikanischer Länder nicht sehr zahlreich. Außerdem haben viele Angehörige dieser Gruppe, nicht zuletzt auf Anraten früherer indischer Regierungen, mittlerweile die Staatsbürgerschaft ihrer afrikanischen Heimatländer angenommen.

In geopolitischer Hinsicht ist Indiens Afrikapolitik sowohl im Verhältnis zu China als auch zu Deutschland und Europa von Interesse. Oft wird von einer Konkurrenz zwischen Indien und China in Afrika gesprochen. Doch die außenpolitischen Entscheidungsträger in Neu-Delhi sind sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht über die Mittel und Instrumente verfügen, um mit China in Afrika zu konkurrieren. Allerdings spielt China durchaus eine Rolle in der indischen Außenpolitik gegenüber Afrika. Zum einen orientieren sich Formate wie die Gipfeltreffen mit Afrika vermutlich an vergleichbaren chinesischen Initiativen. Zum anderen hat Indien in Reaktion auf die chinesische Belt and Road Initiative (BRI) neue außenpolitische Strategien entwickelt, wie zum Beispiel den Asia-Africa-Growth-Corridor (AAGC), der gemeinsam mit Japan umgesetzt werden soll.

Der Wandel der indischen Außenpolitik hin zu einer engeren Kooperation mit Partnern in Drittstaaten eröffnet auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Deutschland und der Europäischen Union (EU). Diese Idee wurde 2008 erstmals formuliert, damals aber von indischer Seite nicht weiterverfolgt.

Für eine solche Kooperation bieten sich Regionen wie Afrika und der Indische Ozean an, in denen Deutschland und Indien eine Reihe gemeinsamer Interessen haben. Erstens ist beiden Staaten daran gelegen, die Seewege im Indischen Ozean zu sichern und gegen Piraterie vorzugehen. Aus deutscher Perspektive sollen damit auch Fluchtursachen bekämpft und Migrationsströme verringert werden. Zweitens wollen Deutschland und Indien verhindern, dass afrikanische Staaten durch wachsende Verschuldung in allzu große politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von China geraten.

Aufgrund der Schnittmengen ihrer Interessen verfügen Deutschland und Indien über ein großes Potential für eine künftige engere Zusammenarbeit in Afrika oder im Indischen Ozean. Gemeinsames Anliegen der beiden Staaten in Afrika ist es, staatliche Institutionen aufzubauen und zu stärken sowie die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Daraus lassen sich verschiedene Programme zum Kapazitätsaufbau, für die Aus- und Weiterbildung sowie für die Stärkung kleiner und mittelständischer Unternehmen ableiten. Vor allem im Kontext ihrer strategischen Partnerschaft wäre dies ein wichtiger nächster Schritt, mit dem die bilateralen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland auf eine neue Ebene gehoben werden könnten.

Auszug aus: Christian Wagner, Indiens Afrikapolitik, hsg. v. der Stiftung Wissenschaft und Politik Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin 2019

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