Es ist Zeit zu überdenken, was mit “muttersprachlicher” Ausbildung gemeint ist

Lara-Stephanie Krause

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Das Thema Muttersprache wird seit 1994 heftig, aber sporadisch in Südafrika diskutiert. In den vergangenen zweieinhalb Jahren haben Studentenproteste an Universitäten im ganzen Land den Diskussionen neues Leben eingehaucht.

Befürworter der muttersprachlichen Bildung neigen dazu zu argumentieren, dass Kinder in der Sprache unterrichtet werden sollten, die sie zu Hause gelernt und gesprochen haben. Diejenigen, die sich gegen diesen Ansatz aussprechen, argumentieren, dass Englisch eine “globale Sprache” ist und die Hauptsprache des Unterrichts im gesamten Schulsystem und in den Hochschulräumen sein sollte.

Aber in einem Land, das von Kolonialismus und Apartheid durchdrungen ist, ist es nicht weit hergeholt zu glauben, dass das gemeinsame Verständnis der Idee von “Muttersprachen” von äußeren Einflüssen gefärbt ist.

 

Eine Muttersprache ist zunächst einmal eine Sprache, die einen Namen hat: Xhosa, Tswana oder Sotho zum Beispiel. Es bezieht sich auf die Standardversion dieser Sprache, die in den meisten Fällen von europäischen Missionaren des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, basierend auf ihrem Verständnis davon, wie Menschen in unmittelbarer Nähe der ländlichen Missionsstationen gesprochen haben.

Was sie transkribierten, waren jedoch regionale Dialekte, keine reinen Versionen unberührter Sprachen, die an eine authentische und zeitlose kulturelle Identität gebunden wären. Jahrzehntelange Schulpraktiken haben die Vorstellungen der Missionare institutionalisiert und kontinuierlich verstärkt.

Hier ist das Problem: Diese angeblich “reinen” Sprachen haben oft nur eine lose Familienähnlichkeit mit der Art, wie Menschen heute in ländlichen und städtischen Gebieten tatsächlich sprechen. Wie meine eigene Forschung zeigt, muss die gängige Annahme in Frage gestellt werden, dass “muttersprachliche Bildung” für afrikanische Sprecher unbedingt hilfreich ist, wenn diese letztlich auf einer unhinterfragten, populären Vorstellung einer “Muttersprache” beruht.

 

Missverhältnisse

Derzeit unterrichte ich Xhosa Grammatik an der Universität von Kapstadt, hauptsächlich für Zweitsprachler, aber auch für einige, die es als Muttersprache sprechen. Xhosa ist die zweitgrößte indigene afrikanische Sprache des Landes.

Im Unterricht bin ich oft mit Missverhältnissen konfrontiert zwischen dem, was die Grammatikbücher sagen und wie sich die Menschen in der Sprache ausdrücken. Daher frage ich meine Xhosa sprechenden Studenten oft nach ihrer bevorzugten Art, etwas in ihrer “Muttersprache” auszudrücken. Die Schüler beginnen ihre Antwort oft mit einer Entschuldigung wie: “Nun, ich kann es sagen – aber ich weiß, das ist nicht der richtige Xhosa.”

Diese Verlegenheit scheint teilweise auf ein Missverhältnis zwischen der Identifizierung als Xhosa-Person und dem Gefühl zurückzuführen zu sein, die eigene “Muttersprache” nicht vollständig zu beherrschen. Dies spiegelt sich in anderen Aussagen wider wie: “Auch wir Xhosas können Xhosa nicht richtig sprechen”. Ein Satz, den ich in verschiedenen Variationen oft von Schülern und auch von meinen Xhosa sprechenden Freunden höre.

Ihre Aussagen spiegeln die Ergebnisse wider, die ich während der Recherchen zu meiner Doktorarbeit gemacht habe. Meine Arbeit konzentrierte sich auf sprachbezogene Themen an einer Grundschule in Khayelitsha, der größten der armen, weitgehend informellen Siedlungen am Stadtrand von Kapstadt. Die Bewohner dort sprechen hauptsächlich Xhosa.

In der Schule gehen drei Jahre “muttersprachlicher Unterricht” der Umstellung auf Englisch als Unterrichtssprache voraus. Diese erfolgt in der 4. Klasse, wenn die meisten Kinder etwa 9 oder 10 Jahre alt sind.

Eine Lehrerin der dritten Klasse sagte mir, dass sie ihren Schülern Xhosa-Zahlen beibringen müsse, bevor sie ihnen Mathematik beibringen könne. Dabei sind das sind Kinder, deren “Muttersprache” Xhosa ist. Sie sagte: “Sie kennen diese Wörter manchmal auf Englisch. Wenn du ‘inye’ sagst (Xhosa für 1), können sie ‘one’ (englisch: eins) sagen, denn das ist die Sprache zu Hause. Sie sagen nicht ‘inye’ zu Hause, sondern ‘one’.”

Sie musste Kindern auch anderes oft beibringen, zum Beispiel ‘imifuno’ (Xhosa: Gemüses) anstelle von ‘igeg’zu sagen, was aus dem englischen Wort ‘vegetable’ stammt und im zeitgenössischen Xhosa weit verbreitet ist.

Solche Beispiele zeigen, dass die tatsächlichen Muttersprachen der Kinder oft translingual sind: sie bestehen aus sprachlichen Quellen, die nach den vorherrschenden westlichen Konventionen zu verschiedenen Sprachen gehören.

Bedeutet das, dass etwas mit der Muttersprache dieser Kinder nicht stimmt? Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht gibt es stattdessen Probleme mit unseren eigenen Vorstellungen von “Muttersprache”?

 

Muttersprache oder Missionssprache?

Der Bezugsrahmen für europäische Missionare und Kolonisatoren bei der Transkription afrikanischer Sprachpraktiken war die Vorstellung von Sprachen, die als autonome Strukturen existieren und jeweils von einer bestimmten Gruppe von Menschen gesprochen werden.

Vielseitige und flexible afrikanische Zuhörer und Sprecher, die effizient miteinander kommunizieren, ohne sich notwendigerweise auf eine bestimmte, korrekte Art des Sprechens zu einigen, passten nicht zu diesem europäischen Referenzrahmen des 19. Jahrhunderts.

Aber um Bibeln zu übersetzen und Grammatiken für ihre “pädagogische” und christliche Agenda zu entwickeln, mussten die Missionare die afrikanischen Sprachweisen den europäischen Vorstellungen von Sprache und Grammatikalität anpassen. Ihr westliches Sprachkonzept zwang sie, selektiv zu sein, bestimmte Formen des Sprechens zu Standardisierungs- und Schreibzwecken auszuwählen und andere zu ignorieren.

Das Ergebnis ist, dass die meisten der heutigen “afrikanischen Sprachen” und sogenannten “Muttersprachen” nicht durch die Art und Weise definiert sind, wie afrikanische Mütter sprechen, sondern dadurch, wie weiße Europäer sie vor Jahrzehnten aufgeschrieben haben.

 

Der Begriff der “Muttersprache” muss neu gedacht werden und mit der tatsächlichen Sprachverwendung in Übereinklang gebracht werden. Dieser Prozess wird die Frage neu stellen, was “eine Sprache” ist oder was sie sein muss. Das ist gut so: denn ein derart fortschrittliches Denken ist nötig, um “Muttersprachen” besser zu verstehen.

Zuerst erschienen in The Conversation. Zum englischen Originalbeitrag.

 

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