Die Gretchenfrage der Off-Grid-Branche in Afrika: Investoren bedienen oder die Armen?

Harald Schützeichel

In Goethe’s Faust stellt Gretchen der Hauptfigur Faust die Frage nach der Religion, um seinen Charakter zu testen. Die entsprechende Gretchenfrage an die Off-Grid-Industry lautet heute: sollen wir die Bedürfnisse von Investoren befriedigen oder die der armen Haushalte in ländlichen Gebieten?

Die meisten Unternehmen der Branche haben die Frage zugunsten der Investoren beantwortet – oder beantworten müssen. Fast im Wochenrhythmus erscheinen Meldungen, dass wieder ein Hersteller oder PAYG-Unternehmen Millioneninvestitionen erhalten hat, um dem Ziel des “energy access for all” ein Stück näher zu kommen. Dumm nur, dass inzwischen klar ist, wie wenig sich dieses Ziel mit einer an Investoreninteressen orientierten Strategie erreichen lässt.

Wie kam es dazu?

Noch vor 15 Jahren bestand der Off-Grid-Sektor fast ausschließlich aus Hilfsorganisationen, die Solarprojekte verwirklichten und hierfür Produkte bei Herstellern in Europa oder Asien kauften.

Schon bald haben dann – angetrieben vom Hype um mobile Solarlampen – Hersteller damit begonnen, einen eigenen lokalen Vertrieb zu eröffnen. Das machte durchaus Sinn, weil die kleinen Solarlampen auf einen Massenvertrieb angewiesen sind und die Hilfsorganisationen nicht als schlagkräftige Vertriebspartner fungieren können. Auch konnte man so die ersten größeren “social investors” für die Branche interessieren. Noch immer war das primäre Ziel aber, mit den kleinen Lampen vor allem die “Ärmsten der Armen” zu erreichen.

Das änderte sich erst in einer zweiten Welle der Entwicklung, als größere Solar-Home-Systeme mittels Bezahl-Technologie (PAYGO) vertrieben wurden. Die Kunden fragten diese Systeme nach, weil sie die Solarlampen nicht als wirkliche Energieversorgung akzeptierten. Damals wurde dann die ursprüngliche Motivation der Unternehmen (“energy access for all”) überlagert durch eine zusätzliche: wirtschaftliche Profitabilität bei raschem Wachstum. Das war vor allem eine Bedingung, um den neuen Investorentyp zu gewinnen, der für den immensen Kapitalbedarf des PAYGO erforderlich wurde. Die Branche feierte das als Erfolg: Nicht nur “social” Investoren sind nun aktiv, sondern auch “wirkliche” Investoren!

Doch der Preis ist hoch: er besteht im Zwang, die Wachstums- und Ergebnisvorgaben der Investoren zu befriedigen. Das geht jedoch nur, wenn man sich verstärkt auf die zahlungskräftigeren Kunden in urbanen und peri-urbanen Regionen konzentriert – die “niedrig hängenden Früchte”. Auf der Strecke bleiben die, die zu versorgen die ursprüngliche Motivation vieler Unternehmen bildete: Kunden in entfernten Regionen und mit (sehr) geringem Einkommen. Aber gerade an dieser Gruppe wird sich der Erfolg der Off-Grid-Branche, ihrer Technologie und ihres Anspruchs letztlich beweisen müssen.

Gefangen zwischen Phobie und Hybris

Die Versorgung dieses Kundensegments mit Strom ist profitabel ohne strukturelle Marktsubventionen nicht möglich. Leider steht sich hier die Branche selbst im Weg. Sie leidet nämlich unter einer Phobie, die in dem Bemühen gründet, sich von den gemeinnützigen Wurzeln abzugrenzen: Die Branche scheut die Forderung nach Marktsubventionen wie der Teufel das Weihwasser. Aber die Haltung ist unklug: man verbaut sich den Weg, den traditionelle Energieversorger (Netzstrom, Kohle, Öl, Kerosin) schon immer mit Erfolg und kühlem Profitkalkül gehen. Diese Unternehmen nutzen bei ihrem Geschäftsausbau seit jeher einen Mix aus non-profit und for-profit: Netzanschlüsse wie auch fossile Brennstoffe sind gerade in peri-urbanen und ländlichen Regionen hoch subventioniert.

Traditionelle Energieversorger begründen die Subvention sogar mit sozialen Argumenten: Man brauche Marktsubventionen, um diese an Haushalte weitergeben zu können. Denn nur dann könnten sich diese den Netzanschluss überhaupt leisten. Gleichwohl: Auch mit ihren hohen Subventionen verschwenden die traditionellen Energieunternehmen keinen Gedanken an entfernte Regionen oder ärmere Kundensegmente. Der Netzanschluss für diese Zielgruppe lässt sich mit der überholten zentralen Energietechnik auch mit noch so hohen Subventionen nicht profitabel darstellen.

Würde ein Unternehmen der Off-Grid Branche nun ebenfalls behaupten, seine Produkte müssten subventioniert werden, damit sich ländliche Haushalte ein Solarsystem leisten und zugleich das eigene Unternehmen Gewinne erwirtschaften könne, ginge ein Aufschrei durch die Branche. Dabei ist genau das der Fall und wir sollten dies anerkennen, um nicht eine gefährliche Hybris zu verstärken.

Die verbreitete Hybris liegt darin, dass die “Heros” der Off-Grid-Branche verwegen behaupten: wir schaffen genau das, was die traditionelle Energiebranche trotz Subventionen nicht schafft. Ja mehr noch: wir benötigen nicht nur keine Marktsubventionen, sondern erfüllen außerdem noch die Renditeerwartung ausländischer Finanzinvestoren.

Eine gefährliche Haltung, wie die Branche inzwischen erkennen musste. Schwerer noch als die permanente wirtschaftliche Instabilität des eigenen (“PAYGO”-)Unternehmens wiegt die Konsequenz, dass man quasi seine Seele verkauft. Denn lässt man sich auf die Ergebnis- und Wachstumsforderungen der “wirklichen” Investoren ein, muss man zwangsläufig die entfernt liegenden Regionen und die Kunden mit niedrigem Einkommen als Zielgruppe vernachlässigen. Die wenigen bestehenden Ausnahmen können das Gesamtbild nicht korrigieren.

Das Ziel des “energy access for all” bleibt so zwar erhalten, aber die Verwirklichung wird aufgeschoben, weil man sich derzeit leider nicht darum kümmern kann. Ein Sachverhalt, den auch der Off-Grid Verband GOGLA enttäuscht feststellte.

Was braucht es für einen “energy access for all”?

Drei Maßnahmen sind erforderlich, um das Ziel des “energy access for all” wieder ins Zentrum der Off-Grid-Branche zu rücken:

  1. Die sachlich ebenso unnötige wie hinderliche Trennung zwischen non-profit und for-profit muss überwunden werden. Es gilt, die Vorteile beider Ansätze zu nutzen, um so deren jeweiligen Nachteile vermeiden zu können.
  2. Wir brauchen strukturelle Marktsubventionen für den Off-Grid-Sektor, und zwar nicht in den bisherigen homöopathischen Dosen, sondern in vergleichbarer Größenordnung wie die Subventionen für traditionelle Energieversorger (Netzstrom, Kohle, Öl, Kerosin).
  3. Für entlegene Regionen und Kunden mit geringerem Einkommen benötigt es ein Konzept für eine subventionierte Grundversorgung mit Off-Grid-Strom. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.
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