Das ölreiche Nigeria wendet sich erneuerbaren Energien zu

Isabelle Gerretsen

Bild: Reuters / Akintunde Akinleye

Angesichts des Bevölkerungsbooms, der die CO2-Emissionen in die Höhe schiessen lässt und die bestehende Stromversorgung bis über Gebühr beansprucht, wendet sich das ölreiche Nigeria in großem Umfang der erneuerbaren Energie zu.

Afrikas bevölkerungsreichstes Land braucht mehr als das Zehnfache seiner derzeitigen Stromerzeugung, um die Versorgung seiner 198 Millionen Menschen zu sichern – fast die Hälfte von ihnen hat überhaupt keinen Zugang, sagt Energieminister Babatunde Fashola.

“Der schnelle Zugang zu Strom wird die Jugendarbeitslosigkeit verringern und die Produktivität steigern”, sagte Ifeoma Malo, Nigerias Country Director bei der globalen Kampagne Power for All Anfang Mai in Lissabon. “Es wird wesentlich dazu beitragen, den CO2-Fußabdruck des schnell wachsenden Energiebedarfs der städtischen Bevölkerung Nigerias zu reduzieren.”

Nigeria hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis 2020 75 Prozent der Bevölkerung Zugang zu Strom erhalten. Bis 2030 sollen es 90 Prozent sein.

Ziel ist es ferner, bis 2030 30 Prozent der gesamten Energie aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen, sagte Fashola. Eine große Verpflichtung für eine Wirtschaft, die noch immer stark von fossilen Brennstoffen abhängig ist: Nach Angaben der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) macht die Öl- und Gasproduktion rund 35 Prozent des nigerianischen Bruttoinlandsprodukts und rund 90 Prozent der Gesamtexporte aus.

Im vergangenen Jahr hat das Land mehr als 20 Milliarden US-Dollar in Solarstromprojekte investiert, um die Kapazität des nationalen Netzes zu erhöhen. Außerdem wurden in ländlichen Gebieten Minigrids gebaut, um die Abhängigkeit vom Netzstrom zu verringern.

Nur jeder Vierte im ländlichen Nigeria ist an das nationale Stromnetz angeschlossen, was zu einem Trend der Abwanderung in die Städte führt. Das setzt die ohnehin überlasteten Städte Nigerias weiter unter Druck.

 

Stromausfälle

Die Stromnachfrage in Nigerias größter Stadt Lagos übertrifft das Angebot bei weitem. Das bedeutet, dass die 25 Millionen Einwohner entweder ohne Stromversorgung auskommen müssen oder auf teure Dieselgeneratoren angewiesen sind.

Im Januar erlitt das Land sechs Stromausfälle in nur acht Tagen, als das nationale Netz unter der Belastung immer wieder zusammenbrach und den größten Teil des Landes in Dunkelheit stürzte.

Die Urbanisierung und das rasante Bevölkerungswachstum werden das Problem noch verstärken – Nigerias Bevölkerung soll bis 2050 von 198 auf 411 Millionen anwachsen, und immer mehr Menschen ziehen in ihre Städte. Bis Anfang 2020 wird die Nachfrage nach Energie daher voraussichtlich mehr als doppelt so hoch sein wie Anfang 2018.

Nigeria hat heute die Kapazität, geschätzte 7.000 Megawatt (MW) Leistung zu produzieren, aber aufgrund der schwachen Infrastruktur, Versorgungsproblemen und Wasserknappheit werden nur etwa 4.000 MW erreicht.

Die Regierung hat bereits in neue Wasserkraftwerke investiert, die vor der Fertigstellung stehen. Das größte ist das Mambilla-Kraftwerk in Zentralnigeria, ein Projekt im Wert von 5,79 Milliarden Dollar, das 2024 fertig gestellt werden soll. Der Großteil der Finanzierung kommt von chinesischen Kreditgebern. Das neue Kraftwerk wird in der ländlichen Region 3.050 MW erneuerbare Energie erzeugen können.

Angesichts des Klimas des Landes liegt der Schwerpunkt jedoch zunehmend auf der Solarenergie. Ein Darlehen der Weltbank in Höhe von 350 Millionen US-Dollar werde bis 2023 für 10.000 solar betriebene Mini-Grids in ländlichen Gebieten verwendet werden, um Krankenhäuser, Schulen und Haushalte mit Strom zu versorgen, sagte Damilola Ogunbiyi, Geschäftsführerin der Agentur für ländliche Elektrifizierung.

 

Ländliche Gebiete

Eines dieser Solarprojekte, Sabon Gari, soll zum Ende des Jahres in der zweitgrößten Stadt Nigerias, Kano, zwischen 1 und 4 MW Solarenergie für 12.000 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) erzeugen.

Der Vorstandsvorsitzende des Energieunternehmens Rensource sagte, die Energiekosten der Unternehmen seien seit Beginn der Nutzung der Solarnetze um mindestens 30 Prozent gesunken. “Bis jetzt wurde der gesamte Markt von einem Netzwerk kleiner, schmutziger, ungesunder Generatoren angetrieben, die auch ziemlich teuer sind”, sagte Ademola Adesina in einem Telefoninterview der Thomson Reuters Foundation. “Wir ersetzen diese Generatoren durch ein Netzwerk von Solar-Hybridsystemen.”

Für Ifeoma Malo bieten solche Kleinprojekte die besten Chancen, abgelegene Gebiete mit Strom zu versorgen: “Die Rural Electrification Agency ist sich bewusst, dass das traditionelle, vom öffentlichen Sektor geleitete System zur Netzerweiterung den Anforderungen der wachsenden Bevölkerung nicht gerecht wird”, sagte sie.

Quelle: Thomson Reuters Foundation

 

Print Friendly, PDF & Email